Ich glaube, dass der Zittermechanismus uns hilft, eine Beziehung zu uns selber zu entwickeln (intrapersonell), was es dann sicherer und einfacher macht, gesündere zwischenmenschliche (interpersonelle) Beziehungen zu Anderen zu bilden.
~ David Berceli
Seit vielen Jahren prägt David Berceli diese Aussage, und eigentlich ist mit diesen Worten von David bereits alles gesagt, wenn in All der Tiefe wirklich begriffen wird, was damit gemeint ist und möglich wird.
Und wieso ist das so? Warum hilft uns das Zittern, gesündere Beziehungen zu entwickeln?
Für Erklärungen hierzu greifen wir gerne auf die Polyvagaltheorie zurück, welche zwar nach wie vor eine Theorie ist, aus neurowissenschaftlicher Sicht erklärt sie jedoch, wie sich das vegetative Nervensystem in der Evolution auf der Suche nach Überlebensvorteilen beim Übergang zu den Säugetieren entwickelt hat. Bei Säugetieren wurden Bindung und Gruppenzugehörigkeit insbesondere zur Aufzucht der Jungtiere die erste Strategie zur Überlebenssicherung, und erst wenn diese nicht möglich sind, wird vom vegetativen Nervensystem her auf die von der Evolution her älteren Strategien zurückgegriffen von Flucht, Kampf und falls diese auch nicht möglich sind Erstarrung/Todstellreflex. Das ist kurzfristig im Überlebensmodus sinnvoll, in der Erstarrung verlieren wir jedoch den Zugang zum ‘System der sozialen Zugehörigkeit’, somit die Bindungsfähigkeit, auch zu uns selber. Das Zittern in Sicherheit erlaubt die Lösung der Erstarrung. Dies führt zu Wiedererlangen von Lebendigkeit, Handlungsfähigkeit, Beziehung zu sich und anderen. Entscheidend in dieser Entwicklung zum Säugetier – wobei auch wir als Säugetier gemeint sind – ist zudem die Fähigkeit zur Co-Regulation. Co-Regulation meint, dass wir unseren Zustand auf körperlicher und Verhaltensebene gegenseitig regulieren können, wenn wir uns in der Nähe von anderen sicher fühlen.
Kürzlich greift David das Thema intra-/ interpersonal wieder auf, in einem Bericht aus seinen Reisen in Asien mit Besuchen in buddhistischen Klöstern, wo er die Wirkung der Vibration von buddhistischen Gebetsgesängen (chanting) auf seinen Körper erlebte:
Wenn dieser Zittermechanismus uns hilft, tiefer in die Tiefen unserer inneren Welt einzudringen, entdecken wir, dass es sich nicht um einen isolierten Bereich handelt, sondernum einen, der eng mit der grossen Weite der äusseren Welt verflochten ist. Die Dichotomie zwischen Innen und Aussen beginnt zu verschwimmen und macht einer tiefen Erkenntnis Platz: dass die Grenzen, die das Selbst vom anderen, das Individuum vom Kollektiv trennen, nur Illusionen sind, vergängliche Schleier, die die Verbundenheit der gesamten Existenz verdecken. So wie der Mikrokosmos den Makrokosmos widerspiegelt, spiegelt unser inneres Selbst die Muster und Rhythmen des gesamten Kosmos wider. Jeder Gedanke, jede Emotion, jede Handlung hallt durch das Netz der Existenz und formt das Gewebe der Realität auf sichtbareund unsichtbare Weise.
Interpersonal‘ ermöglicht Dich selber in Deiner Tiefe zu spüren und Dich als zugehörig zum Planeten Erde mit all ihren Facetten wahrzunehmen, vielleicht auch zugehörig zu einem Universum, das letztendlich Sinn macht, auch wenn wir im Alltag nicht immer sofort verstehen können wie. ‚Interpersonal‘ ermöglicht auch, Dein Gegenüber wahrzunehmen als Mensch, als Mitmensch auf dieser Welt hier jetzt mit Dir hier, ungeachtet seiner:ihrer Nationalität, Hautfarbe, Religion, seines:ihres Status, Alters, Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung.
Wie abgespalten von seiner eigenen Verbindung zu sich, zu seinem Menschsein, zum Planeten, Universum muss man sein, um die Söhne und Töchter von besorgten Müttern und Vätern auf dem Schlachtfeld umbringen zu lassen, wie hart und innerlich erstarrt muss man sein, um Kinder gegen Geld auf ein Boot über das Meer ins Ungewisse zu stossen? Wie verblendet innerlich, um den kulturellen Reichtum von verschiedensten auch indigenen Völkern unterdrücken zu wollen? Dies und vieles Schreckliches mehr kann nur mit erstarrten Emotionen möglich sein, im Überlebensmodus, wenn gemäss der Polyvagaltheorie unsere Entwicklung rückwärts nach Sicherheit sucht, unsere Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl, Zugehörigkeit und Liebe dem Überlebensmodus weicht mit Kampf, Flucht, Erstarrung, wo wir Einzelgänger werden von Emotionen abgekoppelt ausser Angst und Aggression.
Und ja genau, wie finden wir von da wieder zurück zum mitfühlenden ‚Menschsein‘?
Ich habe mich schon oft gefragt: Wann hat der Mensch verlernt zu Zittern? WARUM? Haben wir als Neandertaler in den Höhlen noch gemeinsam gezittert? Einige indigene Völker haben noch Rituale, wo gemeinsam gezittert wird, oft mit Trommeln in Trancezuständen. Meine Katze zittert gelegentlich, unsere Hündin zittert oft, z.B. während Gewittern und es scheint ihr dabei soweit zu gehen? Meine Katze hat mich auch schon gebissen, sie tötet Mäuse, die sie danach frisst, kämpft mit Nachbarkatzen, tötet diese aber nicht. Fühlen sich Tiere, wenn sie sich wohl fühlen als Teil der Erde, des Universums?
Oder ist es nicht auch eine Evolution die vorwärts gehen müsste?
Hierzu nochmals David aus den Erkenntnissen aus seiner kürzlichen Reise:
Aber unsere Reise ist hier nicht zu Ende. Gestärkt durch die Weisheit, die wir aus unserer inneren Erforschung gewonnen haben, richten wir unseren Blick nach aussen und weiten unsere Reichweite in die Weite der äusseren Welt aus. Ausgestattet mit Mitgefühl,Empathie und einem tiefen Verständnis für die Zusammenhänge der gesamten Existenz, werden wir zu Akteuren des Wandels, zu Katalysatoren für die Transformation in unseren Gemeinschaften und darüber hinaus. Durch Taten der Freundlichkeit, des Dienstes und des Eintretens für andere, verbreiten wir Funken der Hoffnung und Inspiration in den Herzen anderer und säen die Saat für eine mitfühlendere und harmonischere Welt.
Auch habe ich mich schon gefragt, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich schon als Kind gelernt hätte, mich durch Zittern zu regulieren, was wenn auch schon meine Eltern? Oft frage ich mich, wie würde sich der Planet verändern, wenn wir Alle Zittern würden, mehr verbunden mit uns selber, mit unseren tiefen ureigenen Rhythmen zeitgleich gemeinsam als Teil dieses wunderschönen pulsierenden Planeten Erde?
Immer noch und immer wieder staune ich in den nun ca. 8 Jahren, in denen ich TRE unterrichte, wie universell die Reaktion des Nervensystems eintritt, in den allermeisten Fällen nach einigen einfachen Körperübungen, einigen Minuten Zittern, wie unmittelbar der Raum ruhiger wird, die Augen gegenseitig klarer werden und der Kontakt von Mensch zu Mensch möglich wird, authentisch, echt und die Zeit einen Moment lang still steht.
Wenn Du die Welt einatmest, bis sie in der Quelle verschwindet und Du die Welt wieder ausatmest, ohne eine einzige Bedingung an sie zu stellen, dann hast du zum ersten Mal wirklich zugehört. Du kannst die Welt nur einatmen, wenn Du nackt im Tempel stehst. Dann ist das Gewand des Universums nahtlos und Subjekt und Objekt sind nicht mehr zwei. In dieser Gegenwärtigkeit kann sich die Welt ganz in sich entspannen, weil sie weiss, dass sie gut ist, so wie sie ist. In dieser fundamentalen Entspannung in die Existenz kann das Herz zum ersten Mal ganz aufgehen und das kosmische Herz kann durch dein Herz durchschimmern und Ja sagen. Durch diese Bedingungslosigkeit findet Erkenntnis statt.
Thomas Hübl: Wenn die Welt in Dir Platz nimmt Inner Science Publications
