Ursula Dolfi, eidg. dipl. Naturheilpraktikerin TEN, ist neu als TRE® Providerin zertifiziert worden und stellt sich Sabine Haldemann, TRE® Providerin und Mitglied der Redaktion von Blogs und Artikeln im Verein TRE® Schweiz, einem spannenden Interview zur Verfügung. Wir treffen uns online an einem Sonntag im März 2025. Wir kennen uns beide nicht und es wird ein inspirierendes und tolles Gespräch, das zu diesem Blog führt. Freue dich auf interessante Einsichten zu TRE® in der Berufspraxis von Ursula.
Sabine: liebe Ursula, stell dich kurz vor:
Ursula: Ich bin Teilzeit als Buchhalterin angestellt, das gibt mir, als teilweise chaotischem Menschen, einen guten Boden, auch für meine therapeutische Arbeit. Ausserdem führe ich eine Praxis für Naturheilkunde TEN (traditionelle europäische Naturheilkunde) und arbeite mit körperzentrierter Psychotherapie, Polarity sowie anderen Therapieformen. Polarity stammt aus der Osteopathie und integriert die Energieanatomie des Ayurveda. TRE® passt sehr gut in mein therapeutisches Wirken und ich kann es leicht mit Polarity verbinden, es hat sehr viele Ähnlichkeiten, die ich wiedererkannt habe. So gibt es zum Beispiel im Polarity drei Berührungsqualitäten, die genau den drei Teilen des Autonomen Nervensystems entsprechen die in der Polyvagal-Theorie unterschieden werden.
Sabine: Interessante Angebote, die du verbindest, wie bist du zu TRE® gekommen?
Ursula: Als Therapeutin besucht man Gruppensupervisionen, da habe ich von TRE® erfahren, die Bedeutung von körperlichem Zittern habe ich vorher aber schon gekannt aus der Traumatherapie. Die willentliche Auslösung von Zittern war mir hingegen neu, ich war begeistert und wollte TRE® unbedingt kennen lernen. An einem Tagesworkshop im IBP in Winterthur lernte ich TRE® für mich anzuwenden. Ich war sehr begeistert und so meldete ich mich für die Fortbildung zur TRE®-Providerin bei TRE Schweiz an. In der Selbstanwendung habe ich schnell gemerkt, wie ich mich durch das Zittern rasch «obe abe» holen konnte. Durch die regelmässige Anwendung habe ich mit der Zeit festgestellt, wie meine manchmal impulsive und schnelle Energie mehr Boden bekommen hat und ich mich geerdeter fühle mit meiner Energie. Zudem merkte ich, dass ich wieder Bewegungen machen konnte, bei denen ich vorher Schmerzen hatte und meine langjährigen chronischen Nackenverspannungen deutlich weniger wurden. In meiner Praxis ist es eine ideale Ergänzung zu meinen bisherigen therapeutischen Angeboten.
Sabine: Das tönt sehr spannend, ich habe auch rasch bei mir Wirkungen erkannt, durch das Zittern. Diese Selbsterfahrung erachte ich als ganz wichtig. Wie ergänzt sich TRE® und was bedeutet TRE® in deiner Arbeit als Naturheilpraktikerin?
Ursula: Mich fasziniert ganz besonders der Bereich, wo Körper und Psyche verschmelzen und eins werden. Das Nervensystem spielt dabei eine wichtige Rolle. Mit meinen Techniken aus körperzentrierter Psychotherapie, Traumatherapie, Phytotherapie, Konstitutionstherapie mit Irisdiagnose, Polarity, aber auch Massage, ist TRE® eine ideale Ergänzung, sowohl bei körperlichen wie psychischen Symptomen. In der Fortbildung ist mir die Bedeutung der Regulation des Nervensystems bewusst geworden und wie zentral wichtig das für die Gesundheit ist. TRE® ist dabei ein sehr gutes Tool, ich kann den Klient:innen etwas für zu Hause mitgeben, das sie selber anwenden und sich im Alltag regulieren können. In der Sprechstunde kann ich dann andere Therapieformen anwenden.
In meinen Gruppenkursen spreche ich nebst meinen Klient:innen noch ein viel weiteres Feld interessierter Personen an. Nicht jeder Mensch kann sich eine Therapie leisten oder möchte eine Therapie machen, auch dafür sind die Kurse sehr geeignet.
Bei einem dritten Schwerpunkt sammle ich Erfahrungen damit, einzelne Elemente von TRE® in die therapeutische Arbeit einzubringen, z. B. dass ich die Bedeutung von Zittern und die Polyvagaltheorie erkläre. Spannend finde ich ganz besonders meine Erfahrungen am Körper, z.B. in der Polarity-Körperarbeit. Muskeln oder Körperpartien, die überarbeitet sind, fühlen sich anders an, als solche, die in einer Erstarrung verharren. Mit achtsamen und entsprechend passenden Berührungsqualitäten lade ich einen Muskel ein, seine eingeschlossene Energie durch Zucken und Zittern oder unwillkürliche Bewegungen zu entladen und zu entspannen. Die Ergebnisse sind sagenhaft überraschend – es löst sich sehr viel auf verschiedenen Ebenen. So integriere ich TRE® direkt in die Polarity Körperarbeit. Wobei dies natürlich TRE® als Selbstanwendung nicht ersetzt.
So bringe ich die verschiedenen Elemente von TRE® in meine therapeutische Tätigkeit ein und verbinde sie mit meinem bisherigen Wissen und Können. Daraus ergibt sich ein neuer Weg, immer im Wissen, was von welcher Therapieart kommt und im Bewusstsein, worauf zu achten ist.
Sicherheit zu vermitteln, durch Achtsamkeit, meine Haltung, im Gespräch und in der Berührung ist dabei immer ein sehr zentrales Element. Dies wurde mir durch die TRE® Fortbildung nochmals sehr bewusst.
Sabine: Ich finde das sehr interessant und entspricht einer vielfältigen Auslegeordnung und Erfahrungsmöglichkeiten mit TRE®. Bei welchen Indikatoren wendest du TRE® an?
Ursula: Es gibt ganz unterschiedliche Motivationen um mit TRE® einzusteigen. Viele kommen mit chronischen Verspannungen bzw. Spannungszuständen aller Art, auch innere Anspannung, chronischem Druck, Stress, Burnoutsymptomen, Schlafstörungen, Nervosität Reizbarkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen und Verdauungsbeschwerden. Es sind auch oft psychische Symptome wie Gedankenkreisen, sich viele Sorgen machen, nicht mehr abschalten können, Angstzustände, Depression. Interessant finde ich die Anwendung von TRE® auch bei chronischen Erkrankungen, zB. Autoimmunerkrankungen, oder allgemein wenn schon alles Mögliche probiert wurde und nichts so richtig geholfen hat und der Verdacht besteht, dass das Nervensystem eine zentrale Rolle spielen könnte.
Es kommen auch gesunde Menschen ohne Beschwerden für TRE® zu mir. Eine Klientin macht bei Wettkämpfen mit und findet das eine super Methode, um sich zu regenerieren. Manche Menschen wollen sich einfach etwas Gutes tun und sich vom Alltag erholen und wenden TRE® dafür an. Manche Klient:innen kommen aber auch mit traumatischen Zuständen und einem sehr labilen Nervensystem. Da gilt es sorgfältig wahrzunehmen, wann der richtige Zeitpunkt gegeben ist und nichts zu überstürzen. Manchmal muss man zuerst genügend Sicherheit, Stabilität und Vertrauen aufbauen.
Sabine: Das tönt für mich sehr nachvollziehbar und schlüssig, ich kenne das ähnlich aus meinem Berufsfeld im Coaching. Wem würdest du TRE® empfehlen?
Ursula: Grundsätzlich würde es allen Menschen gut tun. Bei allen Indikationen, die ich bei der vorherigen Frage ausgeführt habe, kann ich es sehr empfehlen. Es gibt wenig Ausnahmen und die sind mit einer TRE® Fachperson zu besprechen. Zu empfehlen ist eine Einführung bei einem/einer zertifizierten TRE® Provider:in, bevor TRE® zu Hause angewendet wird.
Die Fortbildung empfehle ich allen, die in einem therapeutischen Rahmen arbeiten wie Körpertherapeut:innen und Psychotherapeut:innen. Ein wichtiges Betätigungsfeld sehe ich aber auch in Flüchtlingslagern, in Kliniken und Spitälern, bei der Feuerwehr und Blaulichtorganisationen. Mitarbeitende Pflege, Notfall im Spital wären auch wichtige Berufsgruppen für die Anwendung von TRE®.
Zum Schluss finde ich es sehr schade, dass es nicht weiter verbreitet ist, das Wissen über die Bedeutung des neurogenen Zitterns und die Kenntnisse zur Anwendung von TRE®. Wenn das verbreiteter wäre, wie viel friedlicher wäre die Welt?
Sabine: Was für ein schönes Schlusswort, man könnte fast sagen, würde bei Konflikten zuerst gezittert und dann gesprochen werden, wäre die Welt friedlicher?
Ursula: Ja genau, was für ein schönes Schlusswort!
