Kraft der Gemeinschaft

– von Martin Aeschlimann

GV Online Input

An unserer alljährlichen GV im Verein TRE Schweiz hatten wir die Gelegenheit, Mariano Pedroza, einen erfahrenen somatischen Psychotherapeuten, TRE Trainer, Moderator und Provider aus Brasilien online bei uns als Gast Referent begrüssen zu dürfen. Er liess uns teilhaben an seinen Erfahrungen und Erkenntnissen aus seiner vielschichtigen Arbeit mit TRE in Gemeinschaften, kombiniert mit Integrativ Community Therapy (ICT).

Mariano hatte die Möglichkeit, seinen langjährigen Lehrer und Freund, Professor Adalberto Barreto (Psychiater, Anthropologe, Familientherapeut und Begründer von ICT) mit David Berceli bekannt zu machen.
Zusammen erkannten sie, dass sich TRE und ICT ergänzen, wie zwei Seelenverwandte.

ICT benutzt Kommunikation als Medizin und erschafft einen soliden, sicheren Rahmen, in dem Menschen ihre Erfahrungen teilen können. Kulturelles Wissen wird integriert und stärkt so die kommunalen Bande. Wissenschaft wird mit populären Erkenntnissen aus lokaler Tradition kombiniert. Die Lebensgeschichten der Teilnehmenden werden geschätzt, die Wahrnehmung von Problemen erweitert und Lösungen auf der Grundlage eigener Kompetenzen angesprochen, wodurch das Selbstwertgefühl gestärkt wird. Es entstehen Räume, die von einem kollektiven Therapiekreis bis zu einem traditionellen Kräuterbad reichen.
Basierend auf den Ressourcen der Gemeinschaft arbeitet man eng mit der Federal University of Ceara zusammen und wird von Initiativen von Staat und Gemeinden unterstützt.
Diese Kombination aus lokaler Nachhaltigkeit, wissenschaftlicher Zusammenarbeit und der Interaktion mit dem staatlichen Gesundheitswesens ist integraler Bestandteil aller Community Therapy-Programme.
TRE vervollständigt diesen Ansatz mit einer körperbetonten Annäherung und hilft der Gemeinschaft, unter anderem, bei der Regulation ihres Autonomen Nervensystems.
Zusammen ergeben sie ein stabiles Gefäss zur Förderung kollektiver Resilienz.

Bei Marianos Arbeit mit TRE in Südamerika stehen dadurch nicht die Übungen und die Technik im Vordergrund, sondern sein Fokus richtet sich vor allem auf die Bildung der Zusammengehörigkeit.

Natürlich ist es gut und heilsam den Tremor und seine Wirkung für sich alleine zu entdecken und zu praktizieren. Was einem hilft zu entspannen und seine Widerstandskraft und sein Containment zu fördern. Doch auch hier braucht es die Voraussetzung von Geborgenheit. Und wir kommen alleine nur bis zu einem gewissen Punkt im Prozess.

Marianos Erfahrungen über den Stellenwert des Kollektivs in TRE bewegten ihn zu einem Paradigmenwechsel.

Er erkannte, dass es vor allem an der Form der Gemeinschaft liegt, wie gut es den Menschen darin gelingt, sich mit Hilfe des Tremors zu regulieren, zu stabilisieren und einander im Leben zu unterstützen.
Aufgrund dessen belebt er in bereits bestehenden Kollektiven den Zusammenhalt und fördert das Engagement. Gepaart mit einer Prise Bedingungslosigkeit und mit persönlichem Einsatz, wird es so einfacher daran teilzunehmen und mitzumachen.
Die Konstanz, in der diese TRE Gruppen abgehalten werden ist von entscheidender Bedeutung, um das Gefühl der Zugehörigkeit und der Geborgenheit zu stärken. So ist es wichtig, dass sie, immer wieder am selben Tag, wenn möglich zur selben Zeit und am gleichen Ort stattfinden. Diese Kontinuität beeinflusst erheblich die Wahrnehmung von Sicherheit und Willkommensein.

Je stärker und stabiler dieses Gefäss gebildet wird, desto wohler fühlen sich die Menschen darin und desto einfacher können sie sich gegenseitig selber regulieren und halten. Provider:innen und Trainer:innen werden so ganz automatisch zu einem Teil davon. Es entsteht eine Dynamik, die einen Prozess einleitet und gleichzeitig Sorge dazu trägt. Es ermöglicht allen Teilnehmer:innen ihre Autorität zurückzugewinnen und Mitgefühl zu entwickeln. Ihre Entwicklung hängt nicht mehr von einzelnen Personen, Expertinnen und Experten ab.

Der physische Kontakt wird dabei ganz natürlich gefördert, indem die Übungen oft gemeinsam ausgeführt werden. Zum Beispiel stützt man sich gegenseitig, anstatt eine Wand zu benutzen. Diese einfache und unkomplizierte Art des Körperkontakts ist es auch, die einen wesentlichen Anteil daran hat, wie tief sich die Verbundenheit untereinander und zu sich selber entwickelt. Unvoreingenommene, wohlwollende Berührungen haben eine immense Wirkung auf unser ganzes System. Wenn der Körper sich dabei entspannen darf, kommen Emotionen und Gedanken zur Ruhe.

Während ich Marianos Vortrag lausche, frage ich mich:
,wo um alles in der Welt finde ich eine Gruppe, die sich in eine solche Richtung bewegen und vertiefen möchte…?’
‚Das ist gar nicht so einfach, in einem Land wie der Schweiz, das sich Eigenständigkeit, Separierung und Neutralität schon fast auf die Fahne geschrieben hat…!?‘
‚Als mir plötzlich klar wird, dass ich mich ja gerade in einer Gruppe befinde….
eine tolle, noch ziemlich jung und aktiv, und doch schon ein paar Ecken und Schrammen, und wenn man noch ein bisschen von dem dazu tut, und mit ein wenig von diesem, und vor allem mit möglichst vielen Nervensystemen….’

Separation ist das Thema der Menschheit. Dies zeigt sich in unseren Beziehungen zur Umwelt genauso, wie im Bezug zu uns selbst. Das Aussen ist wie ein Spiegel. Wenn ich keine solide Beziehung zur Umgebung aufbauen kann, wird auch eine Beziehung zu mir selbst, meinem Körper, schwierig werden. Und umgekehrt.
Der Mensch (die Welt) ist da, um in Beziehung zu treten.
Es braucht ein Gegenüber, um sich selbst zu erkennen, sich in Sicherheit zu wägen und sich zu entwickeln. Unsere Systeme korrespondieren und können für Stabilität und Wachstum sorgen.

Es tut gut etwas als wahr-nehmen zu können.